Sicherheit und Compliance bei Cloud-ERP ist in 2026 komplexer denn je — aber auch besser werkzeugmäßig unterstützt als je zuvor. Der Überblick:
- DSGVO gilt seit 2018, wird aber strenger durchgesetzt
- NIS2 gilt seit Oktober 2024 (DE: BSIG-Novelle), seit Herbst 2025 (AT/CH-Äquivalente)
- EU KI-Gesetz gilt ab August 2026 vollständig
- DORA gilt seit Januar 2025 für den Finanzsektor
- ISO 27001:2022 ist der aktuelle Standard
DSGVO und Cloud-ERP: Praxisanforderungen
Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV)
Wenn ein Cloud-ERP-Anbieter personenbezogene Daten im Auftrag des Unternehmens verarbeitet (also fast immer), ist ein AVV nach Art. 28 DSGVO Pflicht.
Der AVV muss regeln:
- Gegenstand und Dauer der Verarbeitung
- Art und Zweck der Verarbeitung
- Kategorien der betroffenen Personen
- Pflichten und Rechte des Verantwortlichen
- Technische und organisatorische Maßnahmen (TOMs)
Modulario: AVV ist Standardbestandteil des Vertrags, enthält vollständige TOMs-Dokumentation.
Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA)
Eine DSFA nach Art. 35 DSGVO ist bei Hochrisikoverarbeitung Pflicht:
- Systematische Überwachung von Personen im öffentlichen Bereich
- Verarbeitung besonderer Kategorien (Gesundheit, Biometrie) in großem Umfang
- Profilierung mit rechtlichen Auswirkungen
Im ERP-Kontext typischerweise erforderlich:
- HR-Modul mit umfassender Mitarbeiteranalyse
- KI-gestützte Personalentscheidungen
- Kundenbewertungssysteme mit SCHUFA-ähnlicher Funktion
Details: DSFA für ERP und CRM.
Datenlöschkonzept
Das ERP muss Datenlöschung unterstützen:
- Automatische Löschung personenbezogener Daten nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist
- Löschung auf Anfrage (Recht auf Vergessenwerden, Art. 17 DSGVO)
- Protokollierung aller Löschvorgänge im Audit-Log
NIS2: Was DACH-Unternehmen wissen müssen
Wer ist betroffen?
NIS2 gilt für mittlere und große Unternehmen in 18 Sektoren:
Wesentliche Einrichtungen (strenger): Energie, Verkehr, Bankwesen, Finanzinfrastruktur, Gesundheit, Trinkwasser, digitale Infrastruktur
Wichtige Einrichtungen (etwas weniger streng): Post und Kurier, Abfallwirtschaft, Chemie, Lebensmittel, verarbeitendes Gewerbe, digitale Anbieter
Schwellenwerte: Mittlere Unternehmen (50-250 Mitarbeiter, 10-50 Mio. € Umsatz) oder größer. Ausnahmen für kritische Infrastruktur auch für kleinere Unternehmen möglich.
NIS2-Pflichten in der Praxis
- Risikomanagement-Maßnahmen: Risikoanalyse und Informationssicherheitsrichtlinien
- Incident-Reporting: Early Warning an BSI/A-SIT/NCSC innerhalb 24 Stunden bei signifikanten Vorfällen; vollständiger Bericht in 72 Stunden
- Business Continuity: Backup-Management, Notfallwiederherstellung
- Lieferkettensicherheit: Sicherheitsanforderungen an Zulieferer und Cloud-Anbieter (also auch an den ERP-Anbieter)
- Schulung: Führungskräfte müssen Cybersicherheitsschulungen absolvieren
Details: NIS2-Richtlinie: Pflichten für Unternehmen.
ISO 27001: Der Goldstandard für Informationssicherheit
ISO 27001 ist kein Gesetz, aber ein marktüblicher Standard — besonders im B2B-Bereich und bei öffentlichen Ausschreibungen.
Was ISO 27001 umfasst
Ein Informationssicherheits-Managementsystem (ISMS) nach ISO 27001 beinhaltet:
- Risikoanalyse und -behandlung
- Richtlinien und Verfahren für alle relevanten Sicherheitsbereiche
- Asset-Management (welche Informationen, wo, wie geschützt)
- Zugangskontrolle und Benutzerrechtemanagement
- Kryptografie und Verschlüsselung
- Physische Sicherheit
- Incident Management
- Geschäftskontinuität
- Compliance-Management
- Regelmäßige interne Audits und Management-Review
ISO 27001 als DACH-KMU
Drei Strategien für KMU:
- Eigene Zertifizierung — sinnvoll, wenn B2B-Kunden oder Ausschreibungen dies erfordern. Kosten: 20.000-50.000 € im ersten Jahr.
- Zertifizierung des Cloud-Anbieters nutzen — wenn der ERP-Anbieter ISO 27001 zertifiziert ist, deckt das die Infrastrukturseite ab. Unternehmen müssen eigene Prozesse (Zugriffskontrolle, Schulung, Incident Response) noch dokumentieren.
- ISO 27001 als Rahmen ohne Zertifizierung — Implementierung der Kontrollen ohne externen Audit. Sinnvoll für kleinere Unternehmen.
Details: ISO 27001 für KMU: Was bedeutet das?.
DORA: Digitale Resilienz im Finanzsektor
Die Digital Operational Resilience Act (DORA) gilt seit Januar 2025 für:
- Kreditinstitute, Zahlungsdienstleister, E-Geld-Institute
- Versicherungsunternehmen
- Investmentfirmen
- Krypto-Asset-Anbieter
DORA-relevante ERP-Anforderungen:
- ICT-Risikomanagement-Rahmen: Dokumentiertes Management aller IKT-Risiken
- ICT-Incident-Reporting: Strenge Meldefristen für schwerwiegende Vorfälle (15/72/30 Tage)
- Drittparteien-Management: Cloud-ERP-Anbieter ist ein kritischer ICT-Drittanbieter — Vertrag muss DORA-Anforderungen erfüllen
- Resilienztests: Regelmäßige Tests der digitalen Resilienz
Details: DORA-Richtlinie: ERP im Finanzsektor.
EU KI-Gesetz: Compliance für ERP mit KI-Funktionen
Für Unternehmen, die KI-Funktionen im ERP nutzen (Stand: vollständig ab August 2026):
- Risikoklassifizierung aller genutzten KI-Funktionen
- Hochrisiko-KI (z. B. KI im Personalwesen): CE-Konformität vom Anbieter verlangen, menschliche Aufsicht, Mitarbeiterschulung, Protokollierung
- Transparenzpflichten: KI-generierte Inhalte müssen gekennzeichnet sein
- Verbotene KI-Praktiken: Prüfung, ob keine verbotenen Techniken genutzt werden
Details: EU KI-Gesetz: Pflichten für ERP-Nutzer.
Technische Sicherheitsanforderungen an Cloud-ERP
Verschlüsselung
- Daten in Übertragung: TLS 1.3 minimum (kein TLS 1.0/1.1)
- Daten im Ruhezustand: AES-256 für Datenbank, Backups, gespeicherte Dateien
- Backup-Verschlüsselung: Backups getrennt verschlüsselt von primären Daten
Zugangskontrolle
- MFA/2FA Pflicht für alle Nutzer, besonders Administratoren
- Rollenbasierte Zugriffskontrolle (RBAC): Least-Privilege-Prinzip
- SSO-Integration: SAML 2.0 / OIDC für zentrale Nutzerverwaltung
- Session-Management: automatischer Logout, konfigurierbares Timeout
Audit-Log und Monitoring
- Vollständiger, manipulationsgeschützter Audit-Log aller Datenzugriffe und Änderungen
- Retention: mindestens 12 Monate, für DORA-regulierte: 5 Jahre
- Real-time-Alerts für verdächtige Aktivitäten (anomale Anmeldeversuche, ungewöhnliche Datenexporte)
Backup und Business Continuity
- 3-2-1-1-0-Regel: 3 Kopien, 2 Medien, 1 offsite, 1 unveränderlich/air-gapped, 0 Fehler im Recovery-Test
- Recovery-Tests mindestens jährlich, dokumentiert
- RTO/RPO definiert: Recovery Time Objective (wie schnell zurück?) und Recovery Point Objective (wie viel Datenverlust tolerierbar?)
Lieferantenauswahl: Sicherheitsfragen für Cloud-ERP-Anbieter
Checkliste für die Anbieterauswahl:
- ISO 27001 Zertifikat vorhanden und aktuell?
- Rechenzentrum in EU/EWR (kein US CLOUD Act Risiko)?
- AVV nach Art. 28 DSGVO erhältlich?
- SLA mit definierten Verfügbarkeitsgarantien (min. 99,9 %)?
- 2FA/MFA für alle Nutzer verfügbar und erzwingbar?
- Vollständiger Audit-Log mit Exportfunktion?
- Datenlöschung bei Vertragsende garantiert?
- Sub-Auftragsverarbeiter offengelegt?
- Penetrationstests regelmäßig durchgeführt?
- Incident-Response-Prozess dokumentiert?
Modulario: Sicherheits- und Compliance-Überblick
Modulario ist ein EU-Cloud-ERP mit folgenden Sicherheitszertifikaten und -maßnahmen:
- ISO 27001 zertifiziert
- EU-Rechenzentrum (Frankfurt, optional SK) — kein US CLOUD Act
- DSGVO-first: AVV Standardbestandteil, vollständige TOMs, Datenlöschkonzept
- TLS 1.3 + AES-256-Verschlüsselung
- 2FA/Passkey erzwingbar für alle Nutzer
- RBAC mit Least-Privilege-Prinzip
- Vollständiger Audit-Log, kryptografisch gesichert
- 3-2-1-1-0-Backup mit wöchentlichem Recovery-Test
- MCP-Server für KI-Integrationen mit granularen Zugriffskontrollen
- AI-Act-konform: KI-Kennzeichnung, keine verbotenen Praktiken, Audit-Log
Details zur Sicherheitsdokumentation.
Compliance-Roadmap für DACH-KMU 2026
Sofortmaßnahmen (Monat 1-2):
- AVV mit ERP-Anbieter unterzeichnen
- MFA für alle Nutzer aktivieren
- Audit-Log-Retention prüfen (min. 12 Monate)
- Zugriffsrechte nach Least-Privilege überprüfen
Kurzfristig (Monat 2-6):
- NIS2-Betroffenheit prüfen und ggf. Risikobewertung erstellen
- Incident-Response-Prozess dokumentieren
- Mitarbeiterschulung Cybersicherheit (min. 2h/Jahr)
- Backup-Test durchführen und dokumentieren
Mittelfristig (Monat 6-12):
- ISO 27001-Implementierung beginnen (oder Anbieter-Zertifikat nutzen)
- DSFA für Hochrisikoverarbeitung durchführen
- KI-Funktionen nach EU KI-Gesetz klassifizieren
Häufige Fragen
Welche Compliance-Anforderungen gelten für ein Cloud-ERP in DACH/EU 2026? Vier Hauptrahmenwerke: DSGVO (alle Unternehmen), NIS2 (mittlere/große Unternehmen in 18 Sektoren), ISO 27001 (Marktstandard, kein Gesetz), KI-Gesetz (bei KI-Nutzung ab August 2026).
Was bedeutet EU-Datenhaltung bei Cloud-ERP und warum ist es wichtig? Alle Daten bleiben in EU/EWR-Rechenzentren ohne Transfer in Drittländer. Nach Schrems II und US CLOUD Act ist dies für EU-Unternehmen regulatorisch und vertraglich wichtig — US-Cloud-Anbieter unterliegen US-Behördenzugriff auch bei EU-Hosting.
Was kostet ISO 27001 Zertifizierung für ein KMU? 20.000-50.000 € im ersten Jahr, dann 5.000-15.000 € jährlich für Überwachungsaudits. Viele KMU nutzen die Zertifizierung ihres Cloud-ERP-Anbieters als Ausgangspunkt.