Der EU AI Act ist die weltweit erste umfassende KI-Regulierung. Für Unternehmen, die ERP-Systeme mit eingebetteten KI-Funktionen nutzen, stellt sich die praktische Frage: Was muss ich als Nutzer tun?

Dieser Artikel gibt einen praxisorientierten Überblick für ERP-Nutzer in DACH und der EU. Für den größeren Kontext siehe den Pillar-Artikel Sicherheit & Compliance in Cloud-ERP 2026. Für den KI-Einsatz im ERP allgemein: KI in ERP-Systemen — praktischer Einsatz 2026.

Grundbegriffe: Wer ist was im AI Act?

Der AI Act unterscheidet zwischen drei Akteuren:

  • Anbieter (Provider) — das Unternehmen, das ein KI-System entwickelt und auf den Markt bringt (z. B. Modulario, SAP, Microsoft)
  • Betreiber (Deployer) — das Unternehmen, das ein KI-System im eigenen Betrieb einsetzt (z. B. eine GmbH, die Modulario mit KI-Prognosen nutzt)
  • Nutzer — der Endnutzer (Mitarbeiter), der mit dem KI-System interagiert

Als DACH-KMU, das ein ERP mit KI-Funktionen kauft, sind Sie Betreiber. Die meisten Pflichten liegen beim Anbieter, aber als Betreiber haben Sie eigene Verantwortlichkeiten.

Risikoklassen nach EU AI Act

Der AI Act teilt KI-Systeme in vier Risikoklassen ein:

Klasse 1: Verbotene KI-Praktiken

Absolut verboten ab Februar 2025:

  • Biometrische Echtzeitüberwachung im öffentlichen Raum (für Strafverfolgung)
  • Soziale Bewertungssysteme (Social Scoring durch staatliche Stellen)
  • Manipulative KI, die Verhalten unbewusst beeinflusst
  • KI zur Ausnutzung von Schwächen (Alter, Behinderung)

Diese Verbote betreffen Standard-ERP-Nutzer in der Regel nicht.

Klasse 2: Hochrisiko-KI-Systeme

Umfangreiche Pflichten (CE-Kennzeichnung, Risikomanagementsystem, Daten-Governance, Transparenzdokumentation, menschliche Aufsicht):

In Bezug auf ERP-Systeme:

  • KI für Personalentscheidungen — Systeme zur Einstellungsentscheidung, Leistungsbeurteilung, Beförderung, Kündigung
  • KI in kritischer Infrastruktur — für die meisten KMU nicht relevant
  • KI für Kreditvergabe — automatische Bonitätsentscheidungen

Klasse 3: Begrenzte Risiken — Transparenzpflichten

Für Chatbots und generative KI:

  • Der Nutzer muss wissen, dass er mit einer KI interagiert
  • KI-generierter Content muss als solcher gekennzeichnet sein

Diese Klasse ist für viele ERP-KI-Features relevant (KI-Assistent im ERP, automatisch generierte E-Mails, KI-Berichte).

Klasse 4: Minimales Risiko

KI-Systeme mit minimalem Risiko unterliegen freiwilligen Verhaltenskodizes. Die meisten ERP-KI-Funktionen fallen in diese Kategorie:

  • KI-gestützte Umsatzprognosen
  • Lagerbestandsoptimierung
  • Anomalieerkennung im Buchhaltungsmodul
  • KI-Empfehlungen für Vertriebsaktivitäten

Praktische Pflichten für DACH-ERP-Nutzer (Betreiber)

Bei Hochrisiko-KI (z. B. KI-Personalmodul):

  1. Sicherstellen, dass der Anbieter konform ist — CE-Kennzeichnung, technische Dokumentation vom Anbieter verlangen
  2. Grundlegende Risikoabwägung dokumentieren — wer verwendet die KI, für welche Entscheidungen
  3. Mitarbeiter schulen — Personen, die mit der KI arbeiten, müssen ausreichend informiert sein
  4. Menschliche Aufsicht sicherstellen — KI-Entscheidungen in Hochrisikobereichen müssen von einer Person überprüft werden können
  5. Logs aufbewahren — Protokolle der KI-Nutzung für mindestens 6 Monate

Bei KI mit Transparenzpflichten (Chatbots, KI-generierte E-Mails):

  1. KI-Kennzeichnung — im ERP sichtbar machen, wenn eine Antwort KI-generiert ist
  2. Opt-out ermöglichen — Nutzer können verlangen, einen menschlichen Ansprechpartner zu erhalten

Für alle KI-Nutzungen:

  1. Zweckbindung — KI nur für den vorgesehenen Zweck nutzen
  2. DSGVO-Kompatibilität prüfen — personenbezogene Daten und KI: DPIA ggf. erforderlich (siehe DPIA für ERP/CRM)

Verbotene KI-Praktiken im DACH-Unternehmenskontext

Auch wenn die großen Verbote (Social Scoring, biometrische Massenüberwachung) für gewöhnliche Unternehmen nicht relevant sind, gibt es praktische Grenzfälle:

Grenzfall 1 — Emotionserkennung am Arbeitsplatz: KI-Systeme, die Emotionen von Mitarbeitern (z. B. in Videokonferenzen) analysieren, sind verboten (außer in sehr engen Ausnahmen).

Grenzfall 2 — Automatische Kündigung ohne menschliche Prüfung: Vollautomatisierte Entlassungsempfehlungen durch KI ohne menschliche Überprüfung sind bei Hochrisikosystemen nicht zulässig.

Grenzfall 3 — Manipulative Kundenansprache: KI, die Kunden durch psychologische Manipulation (Ausnutzung von Schwächen, unbewusste Beeinflussung) zur Kaufentscheidung drängt, ist verboten.

Zeitplan: Wann gelten welche Regeln?

DatumRegelung
August 2024AI Act in Kraft getreten
Februar 2025Verbotene KI-Praktiken (Klasse 1) gelten
August 2025Verpflichtungen für General Purpose AI (GPAI) gelten
August 2026Hochrisiko-Pflichten (Klasse 2) gelten vollumfänglich
August 2027Hochrisiko-Pflichten für bereits bestehende Systeme

Für ERP-Nutzer ist der August 2026 die wichtigste Deadline für Hochrisikofunktionen.

Wie Modulario die AI-Act-Compliance unterstützt

Modulario adressiert die Anforderungen des AI Acts auf der Anbieterseite:

  • Transparenz-Kennzeichnung — alle KI-generierten Inhalte sind im Interface als „KI-generiert” markiert
  • Erklärbarkeit — KI-Empfehlungen zeigen die zugrundeliegenden Faktoren
  • Menschliche Aufsicht by design — KI-Empfehlungen sind immer Vorschläge, nicht automatische Aktionen
  • Keine verbotenen Praktiken — kein Social Scoring, keine biometrische Überwachung
  • Audit-Log für KI-Aktionen — vollständige Protokollierung für Compliance-Nachweise
  • Daten in der EU — kein Drittland-Transfer von KI-Trainingsdaten

Für Hochrisikofunktionen (KI im Personalmodul) stellt Modulario technische Dokumentation nach Anhang IV des AI Acts bereit.

Checkliste für DACH-ERP-Nutzer

  • Inventar aller KI-Funktionen im genutzten ERP erstellt
  • Risikoklassifizierung jeder KI-Funktion dokumentiert
  • Vom Anbieter bestätigt, dass Hochrisikofunktionen CE-konform sind
  • Mitarbeiterschulung zu KI-Nutzung durchgeführt
  • KI-Entscheidungen in Hochrisikobereichen haben menschliche Aufsicht
  • KI-generierte Inhalte sind für Nutzer erkennbar gekennzeichnet
  • DSGVO/DPIA geprüft, wenn personenbezogene Daten + KI

Häufige Fragen

Betrifft der EU AI Act mein Unternehmen, wenn ich nur ein ERP-System kaufe? Ja, aber in begrenztem Umfang. Als Betreiber von KI-Funktionen im ERP sind Sie verantwortlich für deren ordnungsgemäße Nutzung. Der größte Aufwand liegt beim ERP-Anbieter — Modulario stellt die notwendige Dokumentation bereit.

Was ist der Unterschied zwischen EU AI Act und DSGVO bei KI? Die DSGVO schützt personenbezogene Daten; der AI Act reguliert KI-Systeme nach Risikoniveau. Bei KI im Personalbereich greifen beide Regelwerke ineinander.

Welche KI-Funktionen sind im ERP typischerweise Hochrisiko? KI zur Bewerbungsauswahl oder Leistungsbeurteilung von Mitarbeitern sowie KI zur Kreditvergabeentscheidung. KI-gestützte Umsatzprognosen und Lageroptimierung sind in der Regel Niedrigrisiko.